Manchmal ist Fussball einfach geil…

Everton Viña del Mar vs. Colo-Colo ; Estadio Sausalito/ Viña del Mar bzw. ich in Kneipen in Santiago.

Ich hatte schon den ganzen Tag eher schlechte Laune gehabt. Gestern hatte noch die Sonne geschienen und heute war es wieder bewölkt und viel zu kalt. Als es dann nachmittags auch noch zu nieseln anfing, erinnerte mich das nicht romantischerweise an meine holsteinische Heimat, sondern nur an einen großen Haufen Scheiße. Miesmuschelig wie ich war, habe ich dann auch bis zur letzten Minute überlegt, ob ich mir das entscheidende Rückspiel um die chilenische Meisterschaft (es gibt hier Play Offs und zwei Meistertitel pro Jahr, also quasi Hin- und Rückrunde, was hier aber Apertura und Clausura heißt und für Südamerika völlig normal ist) nun angucken sollte oder nicht. Colo-Colo hatte das Hinspiel daheim mit 2:0 solide gewonnen und würde sich das Heft wohl nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Der fünfte Titel in Folge für den Eterno Campeon wäre zwar auch ein historisches Ereignis, aber sooo spektakulär nun wieder auch nicht. Schließlich und endlich bin ich dann doch raus ins nasskalte Santiago und habe mir in der Kneipe um die Ecke etwa drei Minuten vor Anpfiff den letzten Platz mit halbwegs guter Sicht auf den Fernseher gesichert. Die Sympathien vor Ort lagen eindeutig bei Colo-Colo und die meisten derer, die anders dachten, waren wohl eher prinzipiell gegen Colo-Colo (weil La U-Anhänger) als wirklich für Everton. Everton ist halt kein Hauptstadtclub und Viña del Mar ist zwar schon lange nicht mehr nur der mondäne Badeort von einst, sondern eine mehr oder weniger normale Großstadt, in der das touristische, schnieke Stadtzentrum von einem Ring von Poblaciones und ärmeren Stadtteilen umringt ist, doch der Ruf einer Bonzenstadt hängt dem Ort noch immer an. Wenn, dann schlägt das Herz des Auswärtigen doch eher für den dreckigen, aber charmanten Zwilling auf der anderen Seite der Bucht: Valparaíso.

Das Stadion war gerammelt voll und beide Kurven machten mächtig Alarm, auch wenn die Fernsehübertragung das nicht wirklich einfangen konnte oder wollte. In der ersten Halbzeit fielen keine Tore, aber das heißt nicht, dass das Spiel langweilig oder arm an Höhepunkten gewesen wäre. Es hagelte Großchancen auf beiden Seiten, wobei die Vorteile mit einmal Latte und einmal Pfosten leicht auf Seiten Evertons lagen. Auch vom Einsatz her war es ein wirkliches Endspiel. Die zahlreichen Unterbrechungen nach Verletzungen sprachen da eine deutliche Sprache. Doch mich plagte ein ganz anderes Problem. Ich hatte Hunger und die Kneipe war von ihrer Produktpalette her eher veganerunfreundlich. Also machte ich mich in der Halbzeitpause auf den Weg um an irgendeiner Straßenecke ein paar Sopaipilas einzusammeln. Die Straßen waren wie leer gefegt. Nur vor den Kneipen waren Menschentrauben. Fußball ist halt hierzulande ein fester Bestandteil der Kultur. Da anscheinend auch einige Sopaipilaverkäufer lieber das Spiel sehen als arbeiten wollten, bin ich länger unterwegs als geplant und als ich schließlich in die nächstbeste Kneipe in der Calle San Diego stolpere, war das passiert, was mir immer passiert: Ich hatte ein Tor verpasst…

Everton führte 1:0. Das kann ja heiter werden. Ein Tor mehr für Everton und es geht in die Verlängerung. So wie es auf dem Platz hin- und herging, konnte auch keinerlei Zweifel daran bestehen, dass noch mehr Tore fallen würden. Die Frage war nur wann und für wen. Everton traf noch einmal den Pfosten, Colo-Colo scheiterte ein ums andere Mal an Evertons Schlussmann Herrera. Dann, etwa 25 Minuten vor Schluss, war es so weit. Ein an sich harmloser Freistoss von Riveros segelte an Freund und Feind vorbei und erwischte Colo-Colos Torwart Muñoz auf dem völlig falschen Fuß. In der Addition stand es jetzt 2:2, doch der Sturmlauf des Teams von der Küste ging weiter. Das Spielgeschehen nahm zunehmend chaotische Züge an. Die taktischen Aufstellungen beider Teams zeigten erste Auflösungserscheinungen. Mit Taktik wäre hier auch heute kein Blumentopf zu gewinnen. Gewinnen würde das Team mit dem größeren Einsatz, dem größeren Siegeswillen, und den hatte zweifelsfrei Everton, was sich schon wenige Minuten nach dem 2:0 auszahlte, als der völlig freistehende argentinische Stürmer Miralles einen Distanzschuss mit dem Kopf über den herausgeeilten Torhüter hinweg ins Netz verlängerte. Es stand 3:0 und es gab kein Halten mehr in der Heimkurve. Auch die halbe Handvoll Evertonanhänger in der Kneipe drehte durch, fiel auf die Knie und betete den Fernseher an. Der Rest der Partie bestand aus Zittern und Verletzungspausen, doch Colo-Colo war heute einfach zu doof das Tor zu treffen. Außer einem guten Freistoß in Hälfte eins ging jeder einzelne Schuss entweder daneben oder direkt in die Arme des Schlussmanns, der, als nach viel zu vielen Minuten Nachspielzeit endlich abgepfiffen wird, als erstes gleich mal dem Schiedsrichter um den Hals fiel, weil der halt grad neben ihm stand. In Viña del Mar werden morgen vielen Menschen dicke Köpfe haben, aber jeder einzelne davon wird es wert gewesen sein. Everton ist zum vierten Mal überhaupt und zum ersten Mal seit 32 Jahren chilenischer Meister, und ich bin um eine Erkenntnis reicher: Manchmal ist Fußball einfach geil!

Noch ein Interview mit St. Pauli Fanladen-Heiko

Diesmal im Übersteiger. Auszug: „Nach der Bildung der rechtspopulistischen Regierung durch von Beust und Schill gab es diverse Einschnitte in die alternative Kultur Hamburgs und St. Paulis. Der Bauwagenplatz „Bambule“ sollte geräumt werden, und es fanden diverse Demonstrationen statt, u.a. auch nach Heimspielen des FC. Die Polizei hat in einem zweiseitigen Brief aufgezählt, wie viele Demos es gab und dass ich dafür verantwortlich sei… Das war ein Riesenschwachsinn, aber davon waren die fest überzeugt. Ebenso gab es im Herbst 2006 die Äußerung, dass „der Schlesselmann nach dem Spiel auf sein Fahrrad steigt, davon fährt und danach der Krawall beginnt“. Erstens bin ich niemals mit dem Fahrrad am Stadion und zweitens ist diese Unterstellung der Organisation von Gewalt rund um den Fußball eine verleumderische Unterstellung. Aber die Polizei ist ja auch der Meinung, dass wir nur mit den Fingern schnippen müssen, und es kommen tausende St. Pauli-Fans und machen, was wir wollen; oder wir heben die Hand, und alle gehen friedlich nach Hause. Fehlt nur noch, dass sie behaupten würden, dass wir auch das Meer teilen könnten.“

Das ganze Interview hier. Und zur Übersteiger-Seite geht’s hier lang.

Gutes Interview mit St. Pauli Fanladen-Heiko in der Jungle World

Auszug: „…Ich finde, es hat eine Alkoholisierung der Fan­szene stattgefunden. Gerade bei Auswärtsfahrten ist vielen der Suff wichtiger als das Spiel. Hauptsache, man hat am Hauptbahnhof schon die erste Flasche Korn getrunken. Das ekelt mich an. Außerdem beobachte ich eine Zunahme von unpolitischer Gewalt. Es gab immer Gewalt bei St. Pauli, aber früher fand ich sie ausgesuchter. Wenn es irgendwo Kloppe gab, dann weil da Rech­te auftauchten oder Hooligans meinten, sie müssten hier den großen Zampano spielen. Heute gibt es bei manchen Spielen gegenüber normalen Auswärtsfans ein Territorialverhalten, das ich abstoßend finde…“

Das ganze Interview gibt es hier.

Spitzenspiel mal anders

CD Palestino – Deportivo Ñublense 3:0; Estadio Municipal de la Cisterna / Santiago de Chile

Mittwoch 17h ist nicht gerade die beste Zeit für ein Fußballspiel. Umso überraschter war ich, als das Stadion mit geschätzten 700 Zuschauern gar nicht ganz so leer war, wie ich erwartet hatte. Aber immerhin war ja auch ein Waschechter Tabellenführer zu Gast und da Palestino nach drei Siegen in sieben Spielen nur vier Punkte Rückstand auf Ñublense hatte konnte durchaus von einem echten Spitzenspiel gesprochen werden. Das erklärt vielleicht auch, warum der Block von Ñublense mit sicher hundert Leuten ziemlich gut gefüllt war. Im letzten Jahr war Ñublense das Team außerhalb von Santiago (das Team kommt aus Chillán etwa sieben Autostunden südlich der Hauptstadt) mit den meisten Zuschauern bei Heimspielen und die Photos auf der spanischen Wikipediaseite des Clubs sind auch ziemlich beeindruckend für hiesige Verhältnisse. Die Vereinsfarben Schwarz und Rot eignen sich auch hervorragend für Fahnen und Banner, die im Block gleich im Dutzend hingen. An auffälligsten war dabei das „Robo Ska“-Banner mit dem Trojan-Logo und einer 69 in der Mitte. Interessanterweise konnte ich im Block keinen einzigen Skinhead sichten…

Auf Palestinoseite waren wie üblich etwa zwei Dutzend eher jüngere Anhänger im Block und das „Intifada“-Banner (übrigens mit Ska-Schachbrettmuster verziert) war auch wieder da, ebenso wie zahlreiche Fahnen in verschiedenen Zusammenstellungen der Vereinsfarben Schwarz, Weiß, Rot und Grün (was für eine Auswahl!). Diesmal hatte sie auch eine Trommel dabei und auch wenn der Trommler offenbar nur einen Rhythmus kennt, hat das Getrommel den Support enorm verbessert. Das kleine Häufchen sang tapfer fast die ganze Zeit die üblichen Schlager chilenischer Kurven in der lokalen Variante (z.B. „Chi Chi Chi Le Le Le Palestino de Chile“, dass es genau so auch als „Colo Colo de Chile“ oder „Universidad de Chile“ usw. gibt). Alles in allem war stimmungsmäßig sehr viel mehr los, als ich an einem frühen Mittwochabend erwartet hätte.

Das Spiel selbst spielte sich wieder auf unterem Regionalliganiveau ab und lebte von Fehlpässen und Zufällen. Die erste Halbzeit war absolut ausgeglichen mit wenigen, aber sehenswerten Chancen auf beiden Seiten. Es hätte ein wirklich spannendes Spiel werden können, wenn nicht in der 33. Minute der Schiedsrichter einen Spieler von Ñublense nach einem Allerweltsfoul mit Gelb-Rot vom Platz gestellt hätte. Das Krasse ist allerdings, wie genau der Platzverweis zustande gekommen ist. Der Schiedsrichter pfeift Freistoß. Das Publikum, dass nach den zwei gelben Karten für Palestino in den letzten paar Minuten ziemlich aufgebracht ist, fordert lautstark Gelb, und tatsächlich holt der Schiedsrichter nach mehreren Sekunden Gepöbel doch noch den Karton aus der Tasche, und da der Spieler bereits verwarnt war musste er vom Platz. Einen so derben Fall von einem vom Publikum beeinflussbaren Schiedsrichter habe ich noch nie erlebt. Man konnte ihm noch aus zwanzig Metern Entfernung im Gesicht ablesen, wie er sich „Na gut. Dann gibt es halt Gelb…“ dachte. Danach kippte das Spiel komplett. Spätestens nach Anpfiff der zweiten Hälfte war Palestino drückend überlegen. Das 1:0 in der 60. Minute war nur noch eine Frage der Zeit, und da bei Ñublense mittlerweile offenbar sowohl Mannschaft als auch Anhang jeden Widerstand aufgegeben hatten, war auch das 2:0 in der 73. nur logische Konsequenz. Klarer Fall von tödlichem Pass und dann auch noch in der Eins-zu-Eins-Situation den Torwart getunnelt, wirklich ein sehenswerter Treffer. Danach war Ñublense dann plötzlich wieder da und kam in den folgenden fünfzehn Minuten auf ein halbes Dutzend guter Chancen und zwei gelbe Karten. Doch aller Einsatz war umsonst, und als in der 89. Minute der Paraguayer Víctor Aquino mit dem dritten Treffer des Tages seinen lupenreinen Hattrick perfekt machte, war schließlich alles vorbei. Damit war er natürlich für alle der Held des Tages. Nur für mich nicht. Mein Held war eindeutig Palestinos namenlose Nummer 19. Nicht wegen seiner Leistung, sondern einzig und allein wegen seiner wunderbaren Juri Sawitschew-Gedächtnisfrisur!

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Februar 08 in der Gazzetta d’Ultrà #103. Bei Interesse [hier] klicken!

Intifada in der Kurve

CD Palestino – CD Antofagasta 1:1 Estadio Municipal de La Cisterna / Santiago de Chile

Das Stadion von Palestino liegt in La Cisterna, nur zehn Metrostationen vom Zentrum und doch in einer anderen Welt. Keine Hochhausblocks, kein Bauboom. Es dominieren altersschwache, einstöckige Häuser, die oft zur Sicherheit hinter Mauern versteckt sind. Zum Glück hat das Stadion kein Flutlicht, so dass ich noch bei Tageslicht zurück zur U-Bahn kann. Aber erstmal muss ich ja überhaupt hinkommen. Ich finde zwar direkt den Weg, aber der ist länger als gedacht. Als das Stadion endlich in Sichtweite kommt, höre ich von Ferne, wie der Stadionsprecher den Einlauf der Teams ankündigt. Ich entschließe mich die letzten 500 Meter zu laufen, was offenbar genau die richtige Entscheidung war, denn direkt vor den Toren begegne ich zwei älteren Männern, die mich fragen, ob ich zum Spiel will und mir für tausend Pesos und eine Zigarette eine Karte anbieten. Ich habe keine Zigaretten und nur 500 Pesos (ca. 75 Cent) klein. Reicht auch und tatsächlich kommen wir mit den etwas dubios wirkenden Freikarten anstandslos ins Stadion und in den Block, der dankenswerterweise im Schatten liegt. Das Spiel hat bereits angefangen, doch ich lasse meinen Blick erstmal durch das Stadionrund schweifen. Im Antofagastablock eine große Blockfahne mit dem Vereinswappen und ca. 30 Menschen, die hin und wieder auch einen Gesang anstimmen. Im Fanblock von Palestino etwa zwei Dutzend junge Menschen und ein Dutzend Banner und Transparente. Auf dem größten steht „Intifada“. Na toll… An den Masten des Stadions wehen chilenische und palästinensische Fahnen. Der Verein, der sogar 1955 schon einmal Meister war, wurde vor vielen Jahrzehnten von palästinensischen Immigranten gegründet ist aber heute keineswegs mehr ein rein arabischer Club. Die Spielernamen klingen fast alle sehr spanischstämmig. In der Pause gibt es arabische Musik zu hören, aber auf den Tribünen spricht wird spanisch gesprochen. Das verlorene Häuflein Palestinoanhänger bemüht sich hin und wieder mit einem der üblichen Standardgesänge, bei dem einfach nur der jeweils passende Name des Teams eingesetzt wird für Stimmung zu sorgen, doch die gleicht die ganze Partie eher einem gemütlichen Nachmittag in der Oberliga. Überhaupt erinnert mich hier alles vom rustikalen Charme des eigentlich sehr schönen, aber baufälligen Stadions über die familiäre Atmosphäre auf den Tribünen bis hin zum Niveau dessen, was sich auf dem Rasen abspielt, sehr an Altona 93. Wenn da nicht dieses dämliche Intifada-Banner wäre, würde ich mich hier wahrscheinlich pudelwohl fühlen. So aber bleibt immer eine gewisse Distanz bestehen…

Das Spiel ist körperbetont und wie immer in Chile läuft fast alles über Flügelspiel, hohe Bälle und Flanken. Der Schiedsrichter hat das Spiel nicht im Griff, nimmt es mit ruhenden Bällen nicht so genau und pfeift vier falsche Einwürfe gegen Palestino. Zum Ausgleich bekommen sie dann in der zweiten Hälfte einen Elfmeter, und es steht 1:0. Keine fünf Minuten später fällt der Ausgleich für das Team aus dem Norden Chiles, durch einen Spieler der keine Minute vorher eingewechselt worden war. Da hatte wohl wer ein glückliches Händchen… Kurz vor Schluss fliegt noch ein Spieler von Palestino nach einer Grätsche von hinten vom Platz und dann ist Schluss. Ein gerechtes Unentschieden. Beide Teams hatten noch einige Hochkaräter und vor allem eine Dreifachchance von Palestino mit zwei Glanzparaden und einem Seitfallzieher an die Latte hätte eigentlich wirklich verdient gehabt ein Tor zu werden. Dafür hatte auf der Gegenseite Antofagasta aber auch einige sträflich vergebene Konterchancen. Ausgleichende Gerechtigkeit. Die Fans von Antofagasta feiern den Auswärtspunkt und die der Heimblock versucht sein Team mit Gesängen aufzumuntern. Ich werfe noch einen Blick auf das wunderschöne Panorama, dass die nahen Anden der Gegengerade bieten und gehe wie die meisten der paar hundert Zuschauer Richtung heimwärts. Auf dem Weg durch die vom Rot der niedrig stehenden Sonne in ein eigentümliches Licht getauchten Straßen nehme ich mir vor, so viel wie möglich über diesen Verein in Erfahrung zu bringen, denn von dem ehemaligen Migrantenclub geht eine einzigartige Aura aus, die mich nicht unberührt gelassen hat. Doch ob diese Aura wirklich eine positive ist, muss ich erst noch herausfinden…

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Februar 08 in der Gazzetta d’Ultrà #101. Bei Interesse [hier] klicken!

Derbyzeit am anderen Ende der Welt

Colo Colo – Universidad de Chile, 1:0, Estadio Nacional, Santiago de Chile

Die chilenische Fußballliga gehört nicht gerade zur Weltspitze und bevor ich hier herkam hat sie mich ehrlich gesagt auch einen Scheiß interessiert. Aber jetzt bin ich halt hier und Fußball muss ja sein. Und da auf Dauer St. Pauli im Internet oder was sich grad ergibt in der Kneipe im TV nicht ausreicht, war ich froh, als ich endlich die Chance hatte mit netten Leuten ein Spiel im Stadion zu verfolgen und zwar nicht irgendein Spiel, sondern gleich ein Superclásico. So heißen hier die Derbys zwischen den zwei größten Teams Santiagos und gleichzeitig des ganzen Landes: Colo Colo und Universidad de Chile (genannt La U). Und als wäre das nicht schon genug, war es auch noch das Rückspiel im Halbfinale der Meisterschaftsplayoffs. Colo Colo hatte das Hinspiel gewonnen und La U stand mächtig unter Druck. Viele Freunde hier vor Ort hielten mich für verrückt, da hin zu gehen. Das sei doch viel zu gefährlich. „Ach wat“, dachte ich mir, „schlimmer als da bei Pinneberg wird’s schon nicht werden…“ Dachte ich…

Ich würde auf Seiten Colo Colos stehen, weil meine Freunde hier halt Anhänger dieses Vereins sind, aber erstmal dahin kommen war schon ein Abenteuer. „Sicherheitsrelevantes Spiel“ wäre hier noch untertrieben. Um das Stadion sind großräumig alle Straßen gesperrt, Busse und Metros halten nicht, Fans werden so weit wie nur irgend möglich getrennt und überall ist Polizei zu Fuß, mit Panzerwagen, zu Pferd und auf Motocrossmaschinen. Wobei Polizei nicht ganz richtig ist. Es sind Carabineros und die gehören faktisch zum Militär. Polizei ohne Militär gibt es hier nur als Kripo bei Mord und Einbruch. Irgendwann, nach reichlich Latschen und Warten sind wir dann doch eine Stunde vor Anpfiff im Stadion, und der Anblick ist echt beeindruckend. Das Estadio Nacional fast ca. 67000 Menschen, ist aber heute nicht ausverkauft. Ich tippe auf 50000 Zuschauer. Beide Kurven jedoch sind fast vollkommen gefüllt. Was nervt ist die permanente Stadionatmo von CD aus den Stadionlautsprechern. Als die dann endlich kurz vor Anpfiff ausgestellt wird, drehen beide Kurven auf. 20000 Stimmen singen gegen 20000 Stimmen. Colo Colo holt (wie noch öfter diesen Abend) eine gigantische Blockfahne raus und beide Hinchadas zünden ein (nicht metaphorisches) Feuerwerk. Wenn das Stadion überdacht wäre und nicht 90% von Allem im Nachthimmel verpuffen würden, würde der Lärm aus beiden Kurven einem glatt die Ohren zerreißen. Nicht so schön ist hingegen, was in beiden Kurven gesungen wird. Beide Seiten verbringen 50% ihrer Zeit damit irgendwem zu raten, er solle seine Mutter ficken oder die Gegenseite als Schwuchteln (maricones) zu beschimpfen. Irgendwie fühle ich mich deplatziert. Vielleicht ist St. Pauli doch etwas anders… Was mindestens ebenso traurig ist, wie die niveaulose Homophobie ist die Einfallslosigkeit. Beide Seiten singen die gleichen Lieder nur mit ausgetauschten Namen und beschimpfen sich auf die gleiche, ritualisierte Art und Weise. Kreativität? Fehlanzeige! Dabei haben beide Seiten auch wirklich atemberaubend geile Gesänge, die auch ganz ohne Schwuchteln oder Muttergeficke auskommen. Wenn die dann ausgepackt werden, fällt es schwer, sich nicht von der Atmosphäre einfangen zu lassen. Denn die ist da. Ganz ohne Zweifel.

Nicht so ganz da ist das Spiel in der ersten Halbzeit. Beide Mannschaften egalisieren sich im Mittelfeld und lediglich La U hat eine Chance, die auch wirklich ein Tor hätte werden können. Es regieren Nervosität, Fehlpass und Gestolper. Doch mit dem Abpfiff der ersten Halbzeit ändert sich alles. Ein Spieler von La U verpasst einem Gegenspieler eine Kopfnuss und schlägt einen anderen zu Boden. Er wird später den Zeitungen sagen, dass diese nur geschauspielert hätten und er nicht getroffen hätte, aber das ist dem Schiedsrichter egal. Er gibt rot. Die Reaktionen darauf könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Colo Colo Kurve jubelt, als sei das schon der Sieg und startet Spottgesänge, während die Hinchas von La U toben wie Zirkustiger auf Speed. Auf dem Spielfeld kommt es auch zu Tumulten und das Schiedsrichtergespann, das auf dem Weg in die Kabine an der La U Kurve vorbei muss, wird von einem Dutzend Polizisten mit Schutzschilden geschützt. Als dann kurz nach Wiederanpfiff Colo Colo auch noch das 1:0 macht und La U damit vier Tore schießen müsste um weiterzukommen, gibt es in der La U Kurve kein halten mehr. Das Spiel muss unterbrochen und in der 67. Minute schließlich abgebrochen werden, weil die Fans einen ganzen Hagel von faustgroßen Steinbrocken (das Stadion ist alt und marode) auf die Spieler von Colo Colo werfen. Die anrückende Polizei wird mit Steinen und ganzen Bänken beworfen (ich muss unweigerlich an Rostock denken) und in der Kurve brennt es an zwei Stellen. Die Polizei schafft es jedoch die Fans aus dem Stadion zu treiben. Und während die eine Hälfte des Stadions jubelt und tobt, ist die andere geisterhaft leer. Der im Stadion postierte Wasserwerfer fährt eilends nach draußen. Über die Mauer kann ich einiges an Gerenne sehen. Die Colo Colo Anhänger nutzen die Gelegenheit um ihrerseits den Teil der La U Anhänger, die an ihrer Kurve vorbeikommen, mit Steinen, Holzkisten und allem, was nicht niet- und nagelfest ist zu bewerfen. Ich komme mir vor, wie in einem Testosteronversuchslabor. Als wir schließlich das Stadion verlassen, riecht es draußen noch nach Tränengas. Die Polizei bemüht sich die Menge zu zerstreuen und zu vertreiben. Irgendwann stehen wir an der Straße und warten über eine Stunde auf Taxis, die uns endlich wegbringen sollen. Aber wenn man im Dunkeln mit fünf, offensichtlich eher ärmeren, jungen Chilenen auf ein Taxi wartet, dann kann das dauern. Mindestens zehn fahren leer an uns vorbei. Vielleicht haben die Fahrer schlechte Erfahrungen gemacht mit jungen, ärmer aussehenden Chilenen. Vielleicht aber auch mit Fußballfans. Als Colo Colo wenig später im Finale gegen Universidad de Concepción dann wirklich Meister wurde, war ich in Argentinien am Rumreisen. Irgendwie war es mir aber auch egal…

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Februar 08 in der Gazzetta d‘Ultrà. Bei Interesse [hier] klicken!

Ein Photo aus dem Weserstadion

Spruchband in der Kurve von Werder Bremen. Photo von der Ultragruppe Racaille Verte.

werder bremen nie wieder deutschland

Ab in den Süden

Die Ultras des FC St. Pauli sind von der Ge­gengerade auf die neue Südtribüne ge­wech­selt. Ganz nebenbei entsteht dort die erste selbstverwaltete Kurve im deutschen Profifußball.

Dass am 11. November vorigen Jahres beim 2:0-Heimsieg gegen den FC Augsburg erstmals ein Teil der neuen Südtribüne des Millerntor-Stadions für den Publikumsverkehr freigegeben wurde, war von nicht geringer Bedeutung. Hinter der neuen Kurvenbelegung steckt ein vollkommen neues Konzept, das von den Ultras und der Vereinsführung des FC St. Pauli bereits ein Jahr zuvor gemeinsam erarbeitet worden ist – die teilweise Selbstverwaltung der Kurve durch die Fans. Zwar kümmert sich der Verein selbst um die Vermarktung der 2 500 Sitzplätze, »Business-Seats« und Logen, doch der Kartenverkauf für die 3 000 Stehplätze wird vom Fanladen St. Pauli und der Ultragruppe USP (Ultrà Sankt Pauli) getragen. Ziel der Neustrukturierung des Kartenverkaufs ist es, die Fankurve einerseits offen für Nachwuchsfans und Quereinsteiger zu halten, andererseits aber auch zu gewährleisten, dass diejenigen, die in der Kurve stehen, auch wirklich die Heimmannschaft unterstützen.

Den kompletten Artikel, ursprünglich erschienen in der Jungle World 05/2008, gibt es [hier].

Und noch ein Blog…

Kommando Van Basten ist ein Blog zum Thema Fussball und Politik. Hier geht’s um Antifaschismus, Fankultur und das ganze Drumherum. Ich publiziere auch anderswo immer mal wieder zu diesen Themen. Darauf irgendwo zentral hinzuweisen, war auch ein Beweggrund für die Grundsteinlegung dieses Blogs. Also Rundes in Eckiges und keinen Fussball den Faschisten!

Voran Sankt Pauli!
Nie wieder Deutschland!

janvanbasten