Everton Viña del Mar vs. Colo-Colo ; Estadio Sausalito/ Viña del Mar bzw. ich in Kneipen in Santiago.
Ich hatte schon den ganzen Tag eher schlechte Laune gehabt. Gestern hatte noch die Sonne geschienen und heute war es wieder bewölkt und viel zu kalt. Als es dann nachmittags auch noch zu nieseln anfing, erinnerte mich das nicht romantischerweise an meine holsteinische Heimat, sondern nur an einen großen Haufen Scheiße. Miesmuschelig wie ich war, habe ich dann auch bis zur letzten Minute überlegt, ob ich mir das entscheidende Rückspiel um die chilenische Meisterschaft (es gibt hier Play Offs und zwei Meistertitel pro Jahr, also quasi Hin- und Rückrunde, was hier aber Apertura und Clausura heißt und für Südamerika völlig normal ist) nun angucken sollte oder nicht. Colo-Colo hatte das Hinspiel daheim mit 2:0 solide gewonnen und würde sich das Heft wohl nicht mehr aus der Hand nehmen lassen. Der fünfte Titel in Folge für den Eterno Campeon wäre zwar auch ein historisches Ereignis, aber sooo spektakulär nun wieder auch nicht. Schließlich und endlich bin ich dann doch raus ins nasskalte Santiago und habe mir in der Kneipe um die Ecke etwa drei Minuten vor Anpfiff den letzten Platz mit halbwegs guter Sicht auf den Fernseher gesichert. Die Sympathien vor Ort lagen eindeutig bei Colo-Colo und die meisten derer, die anders dachten, waren wohl eher prinzipiell gegen Colo-Colo (weil La U-Anhänger) als wirklich für Everton. Everton ist halt kein Hauptstadtclub und Viña del Mar ist zwar schon lange nicht mehr nur der mondäne Badeort von einst, sondern eine mehr oder weniger normale Großstadt, in der das touristische, schnieke Stadtzentrum von einem Ring von Poblaciones und ärmeren Stadtteilen umringt ist, doch der Ruf einer Bonzenstadt hängt dem Ort noch immer an. Wenn, dann schlägt das Herz des Auswärtigen doch eher für den dreckigen, aber charmanten Zwilling auf der anderen Seite der Bucht: Valparaíso.
Das Stadion war gerammelt voll und beide Kurven machten mächtig Alarm, auch wenn die Fernsehübertragung das nicht wirklich einfangen konnte oder wollte. In der ersten Halbzeit fielen keine Tore, aber das heißt nicht, dass das Spiel langweilig oder arm an Höhepunkten gewesen wäre. Es hagelte Großchancen auf beiden Seiten, wobei die Vorteile mit einmal Latte und einmal Pfosten leicht auf Seiten Evertons lagen. Auch vom Einsatz her war es ein wirkliches Endspiel. Die zahlreichen Unterbrechungen nach Verletzungen sprachen da eine deutliche Sprache. Doch mich plagte ein ganz anderes Problem. Ich hatte Hunger und die Kneipe war von ihrer Produktpalette her eher veganerunfreundlich. Also machte ich mich in der Halbzeitpause auf den Weg um an irgendeiner Straßenecke ein paar Sopaipilas einzusammeln. Die Straßen waren wie leer gefegt. Nur vor den Kneipen waren Menschentrauben. Fußball ist halt hierzulande ein fester Bestandteil der Kultur. Da anscheinend auch einige Sopaipilaverkäufer lieber das Spiel sehen als arbeiten wollten, bin ich länger unterwegs als geplant und als ich schließlich in die nächstbeste Kneipe in der Calle San Diego stolpere, war das passiert, was mir immer passiert: Ich hatte ein Tor verpasst…
Everton führte 1:0. Das kann ja heiter werden. Ein Tor mehr für Everton und es geht in die Verlängerung. So wie es auf dem Platz hin- und herging, konnte auch keinerlei Zweifel daran bestehen, dass noch mehr Tore fallen würden. Die Frage war nur wann und für wen. Everton traf noch einmal den Pfosten, Colo-Colo scheiterte ein ums andere Mal an Evertons Schlussmann Herrera. Dann, etwa 25 Minuten vor Schluss, war es so weit. Ein an sich harmloser Freistoss von Riveros segelte an Freund und Feind vorbei und erwischte Colo-Colos Torwart Muñoz auf dem völlig falschen Fuß. In der Addition stand es jetzt 2:2, doch der Sturmlauf des Teams von der Küste ging weiter. Das Spielgeschehen nahm zunehmend chaotische Züge an. Die taktischen Aufstellungen beider Teams zeigten erste Auflösungserscheinungen. Mit Taktik wäre hier auch heute kein Blumentopf zu gewinnen. Gewinnen würde das Team mit dem größeren Einsatz, dem größeren Siegeswillen, und den hatte zweifelsfrei Everton, was sich schon wenige Minuten nach dem 2:0 auszahlte, als der völlig freistehende argentinische Stürmer Miralles einen Distanzschuss mit dem Kopf über den herausgeeilten Torhüter hinweg ins Netz verlängerte. Es stand 3:0 und es gab kein Halten mehr in der Heimkurve. Auch die halbe Handvoll Evertonanhänger in der Kneipe drehte durch, fiel auf die Knie und betete den Fernseher an. Der Rest der Partie bestand aus Zittern und Verletzungspausen, doch Colo-Colo war heute einfach zu doof das Tor zu treffen. Außer einem guten Freistoß in Hälfte eins ging jeder einzelne Schuss entweder daneben oder direkt in die Arme des Schlussmanns, der, als nach viel zu vielen Minuten Nachspielzeit endlich abgepfiffen wird, als erstes gleich mal dem Schiedsrichter um den Hals fiel, weil der halt grad neben ihm stand. In Viña del Mar werden morgen vielen Menschen dicke Köpfe haben, aber jeder einzelne davon wird es wert gewesen sein. Everton ist zum vierten Mal überhaupt und zum ersten Mal seit 32 Jahren chilenischer Meister, und ich bin um eine Erkenntnis reicher: Manchmal ist Fußball einfach geil!



